In der britischen Musiklandschaft gibt es momentan nur wenige Bands, die mehr als ein Album veröffentlicht haben, das sich über eine Million Mal verkauft hat, geschweige denn drei davon hintereinander. Noch weniger UK-Bands schaffen es, auch außerhalb von Großbritannien vergleichbare Erfolge zu feiern, und das über Jahre hinweg. Und nur einem Bruchteil davon gelingt es wiederum, während es mit der Karriere steil bergauf geht, den eigenen Sound permanent weiterzuentwickeln und sich immer wieder neu zu erfinden. Keane haben jedoch genau das in den letzten zehn Jahren geschafft – und mehr noch: Da sie von ihren bisherigen drei Alben insgesamt über 10 Millionen Einheiten verkauft und etliche Preise abgeräumt haben, kann man inzwischen ohne Übertreibung sagen, dass sie zu den erfolgreichsten und größten Bands der Welt zählen. Für die Band selbst fühlt es sich jedoch so an, als ob sie jetzt erst richtig loslegen würden.
Die drei Bandmitglieder von Keane – Tom Chaplin, Tim Rice-Oxley und Richard Hughes – begannen schon als Teenager, gemeinsam Musik zu machen. Sie lebten damals im verschlafenen East Sussex. Allerdings konnten sie noch so hart an ihrer Musik arbeiten; es wollte in den ersten Jahren einfach nicht so recht klappen, bis sich das Blatt eines Tages schließlich doch noch wendete: Nachdem er zufällig bei einem ihrer Konzerte gelandet war, machte Simon Williams, der Gründer von Fierce Panda, ihnen im Jahr 2003 das Angebot, eine erste Single in limitierter Auflage zu veröffentlichen. Das wiederum führte bereits wenig später zu einem Vertrag mit Island Records, und schon 2004 kam mit „Hopes And Fears“ ihr grandioses Debütalbum in die Läden. Dank astreiner Hymnen wie „Somewhere Only We Know“, „Everybody’s Changing“ und „Bedshaped“ waren Keane schon bald in aller Munde: Das erste Album verkaufte sich knapp sechs Millionen Mal, ging weltweit in die Charts und wurde mit Preisen regelrecht überhäuft (selbst in diesem Jahr landete es bei den BRIT-Awards auf der Nominiertenliste – und zwar in der Kategorie „Bestes Britisches Album der letzten 30 Jahre“).
2006 veröffentlichten Keane mit „Under The Iron Sea“ ihr zweites Album. Verglichen mit dem Debüt klangen sie nunmehr sehr viel düsterer und nachdenklicher, was letztlich daran lag, dass sie schlichtweg zu lange auf Tour gewesen waren: Nach zwei Jahren im Tourbus waren die drei Jungs dermaßen ausgelaugt und frustriert, dass intern sogar schon über die Auflösung der Band diskutiert wurde. Dennoch waren auf dem Album wieder diese überdimensionalen Melodien zu hören, wie sie nur Tim Rice-Oxley schreiben kann, und Tom Chaplins Stimme klang jetzt noch eindringlicher als auf dem Vorgänger. Die Tatsache, dass ihr zweiter Longplayer ebenfalls wie eine Bombe einschlug und sie nun noch viel größere Hallen füllten, sollte die drei Schulfreunde schließlich sogar noch fester zusammenschweißen – und jegliche Trennungsgedanken waren endgültig vom Tisch.
„Perfect Symmetry“, das dritte Keane-Album, erschien im Jahr 2008, und schon wieder waren sie musikalisch in eine neue Richtung aufgebrochen: Auf dem in Berlin, Paris und London aufgenommenen Longplayer waren erstmals eine singende Säge, ein Saxofon und Gesangsspuren zu hören, die sie durch ein Schlagzeug aufgenommen hatten! Sprich: Hier begegnete man einer Band, die sich im Studio richtig gehen ließ, experimentierfreudig war und ganz offensichtlich jede Menge Spaß bei den Aufnahmen hatte. Die erste Singleauskopplung „Spiralling“, ein eingängiger Synthie-Pop-Track à la David Bowie, gewann noch vor der eigentlichen Albumveröffentlichung den Q-Award als bester Song des Jahres (und nachdem die LP dann erschienen war, wählten die Leser des Q Magazines auch „Perfect Symmetry“ zum Album des Jahres).
Nach der Veröffentlichung des dritten Albums spielten Keane rund um den Globus in ausverkauften Stadien: Ihre Tour zum „Perfect Symmetry“-Album ging durch 28 Länder, wobei alles von Russland bis Australien, von Kolumbien bis Südkorea und vom Libanon bis zur Schweiz auf dem Programm stand. An den wenigen freien Tagen gingen sie ins Studio, um an neuen Songs zu arbeiten – und zwar nicht, weil schon konkrete Pläne für ein neues Album existierten, sondern einfach nur, weil sie Lust auf eine ordentliche Session hatten: „Wenn man so lange auf Tour ist, fühlt es sich einfach unglaublich gut an, ins Studio zu gehen und etwas vollkommen Neues zu erschaffen“, berichtet Tim Rice-Oxley. „Darum haben wir letztendlich so gut wie jeden freien Tag für so eine Studio-Session genutzt.“
Aus diesen Aufnahmen ging schließlich „Night Train“ hervor, ihre brandneue EP, auf der acht Songs versammelt sind und die am xx. Mai 2010 erscheinen wird. Während der Titel der EP an das bevorzugte Beförderungsmittel während ihrer letzten Mega-Tour erinnert (wobei der Nachtzug zwischen Moskau und St. Petersburg scheinbar zu den schönsten Erinnerungen zählt), bewegen sich Keane auch musikalisch abermals in neue Regionen. Zu den Höhepunkten von „Night Train“ zählen zwei überraschende Tracks, die sie mit dem in Somalia geborenen und in Kanada aufgewachsenen Rap-Überflieger K’naan aufgenommen haben (überhaupt sind Keane überraschend angesagt in HipHop-Kreisen: Kanye West zählt ebenfalls zu ihren größten Fans). Drei Tage verbrachte die Band mit K’naan in einem Londoner Studio, wo sie den Track „Stop For A Minute“ und das von den „Rocky“-Filmen inspirierte „Looking Back“ aufnahmen. „Ich würde mal sagen, dass wir damit eine ganz neue Seite von uns präsentieren“, so Chaplins Kommentar.
Ein weiteres Highlight von „Night Train“ ist „Ishin Denshin (You’ve Got To Help Yourself)“, eine Electropop-Coverversion des gleichnamigen Songs vom Yellow Magic Orchestra, auf dem die japanische Baile-Funk-Rapperin MC Tigarah am Mikrofon aushilft. „Der Track bringt ziemlich gut auf den Punkt, wie der Aufnahmeprozess dieses Mal aussah“, sagt Rice-Oxley. „Ich saß im Flieger und arbeitete an dem Grundgerüst des Songs, Richard nahm das Schlagzeug in Washington auf, Tom den Gesang in Kopenhagen, Tigarah ging in Los Angeles ins Studio, und dann brachten wir das Stück im Tourbus in die endgültige Form. Und ich muss sagen, dass ich mit dem Ergebnis wahnsinnig zufrieden bin.“
Außerdem findet sich auf „Night Train“ auch der Song „Your Love“, der an den Sound der Achtziger anknüpft und für das Rice-Oxley, der ja sonst eher für sein Können als Songschreiber bekannt ist (wofür er auch schon einen Ivor-Novello-Award gewonnen hat), ausnahmsweise den Leadgesang beigesteuert hat. „Die zentrale Frage während der Aufnahmen lautete: ‘Warum eigentlich nicht?!’“, sagt er. „Wir haben uns also keineswegs abgerackert, haben uns nicht den Kopf zerbrochen über diese Songs; stattdessen haben wir es einfach nur genossen, neue Dinge auszuprobieren und zu schauen, was man noch alles machen kann.“
Unterm Strich ist dabei eine EP herausgekommen, die wieder einmal verblüfft, die anspruchsvoll klingt und vor neuen Ideen förmlich zerberstet, ohne dabei auf die für Keane typischen Melodien zu verzichten, die man wochenlang nicht aus dem Kopf bekommt. Als Rice-Oxley, Chaplin und Hughes vor etlichen Jahren zum ersten Mal zusammen Musik machten, zählten die Beatles, Radiohead und Blur zu ihren absoluten Favoriten. Außergewöhnlich an diesen drei Bands war, dass zwar keiner sagen konnte, was sie als nächstes machen würden, aber das war auch egal: denn man wusste so oder so, dass es in jedem Fall gut sein würde. Mit ihrer „Night Train“-EP beweisen Keane, dass sie inzwischen auch in dieser Liga angekommen sind.